Journalismus anders finanzieren

Journalismus anders finanzieren

In Zeiten des Zeitungssterbens, schwachen Erlösen aus Anzeigen und noch immer kaum rentablen Online-Medien sind alternative Finanzierungen ständig in der Diskussion. Doch wie gut funktionieren genossenschaftliche oder spendenbasierte Modelle? Kann qualitativer Journalismus damit dauerhaft finanziert werden? Und wie sieht es mit der Unabhängigkeit aus?

Unter dem Titel „Journalismus anders finanzieren“ diskutierte der Medientresen der Jungen Presse Berlin diese Fragen. Zu Gast waren Theresia Enzensberger von krautreporter.de, Konny Gellenbeck von der Tageszeitung taz und Mark Heywinkel, Redaktionsleiter des spendenfinanzierten Online-Projektes Vocer.

 

Von Henrik Nürnberger

 

Am Anfang ist da eine Idee, zu deren Umsetzung etwas Geld benötigt wird. Der Mensch des 21. Jahrhunderts bekniet nicht seine Eltern um ihr Erbe. Nein, er konsultiert vertrauensvoll eine große Netz-Gemeinde, die vielleicht gern bereit ist, den einen oder anderen Euro dazuzulegen. Schließlich füllt sich der Finanztopf bis zum Rand – und die Umsetzung kann beginnen. Etwa so lässt sich auch die Geschichte der Krautreporter erzählen, die mit reichlich Pioniergeist die im Kern so simple Schwarmfinanzierung von Medienprojekten mit einer neuen Qualität versehen haben.

Crowdfunding

Kurz vor Ablauf der Crowdfunding-Kampagne gab es eine kleine Party, die so recht nicht zünden wollte. „Die Stimmung war ziemlich gedrückt. Keiner der Krautreporter, mit denen ich gesprochen habe, hatte wirklich noch daran geglaubt“, erinnert sich Mark Heywinkel, der für das Magazin Vocer vor Ort von der Party berichtete. Eigentlich sollte seine Schlagzeile wenig positiv ausfallen. Doch dann kam es zu einem überraschenden Schlussspurt: In den letzten Stunden sammelte Krautreporter.de die benötigten 900.000 Euro. Die einmonatige Kampagne war wider Erwarten erfolgreich. Just im September kann damit erstmalig das Krautreporter-Magazin an den Start gehen. Viel haben die Krautreporter, denen auch namhafte Journalisten wie Thomas Wiegold und Stefan Niggemeier angehören, ihren etwa 15.000 Spendern versprochen. „Wir wollen Hintergründe erzählen und investigativen Journalismus ermöglichen“, sagt Redakteurin Theresia Enzensberger aus dem Team. „Es geht darum, Journalismus zu entschleunigen, also Themen zu bringen, die nicht tagesaktuell sein müssen. Wir wollen keine Alternative zu Spiegel Online werden.“ Qualität und tiefgründige Recherchen stünden im Mittelpunkt des Magazins. Dennoch sollen laut Enzensberger immerhin etwa vier Artikel pro Tag online gehen.

Vor der intensiven Crowdfunding-Phase, gab es bereits eine Liste mit 30 Themen, die nun ob des erfolgreichen Fundraisings behandelt werden sollen. Doch bis jetzt ist noch nicht klar, was am Ende wirklich herauskommen wird und ob die Leser, die zunächst die Rechercheleistung gekauft haben, letztlich auch mit dem Endprodukt zufrieden sein werden. Langfristig müssen für das kommende Jahr erneut Spender geworben werden. Neben dem für die Krautreporter existentiellen Mindestbetrag, erhofft sich Theresia Enzensberger auch noch weitere Spenden via Crowdfunding. Eine Obergrenze gibt es jedenfalls nicht. Viel Enthusiasmus der Spender in das Projekt ist gefragt, denn die Finanziers genießen nur wenige exklusive Angebote. Die Inhalte sollen auch für Nicht-Zahler verfügbar sein. „Man schmeißt eine Zeitung ja auch nicht automatisch weg nachdem man sie gelesen hat“, begründet Theresia Enzensberger diese Entscheidung. „Wir glauben, dass das Internet und die sozialen Medien einfach anders funktionieren.“ Finanziers sollen lediglich einige Extrainforma- tionen bekommen und zu besonderen Treffen eingeladen werden. Im Gegensatz zu Nicht-Spendern dürfen auch nur sie Artikel kommentieren. Weitere Beschränkungen sind jedoch nicht geplant.

Auch die Gründung der Tageszeitung taz sei eine Art Crowdfunding gewesen, erinnert sich Konny Gellenbeck. Damit die taz 1978 auf den Markt gebracht werden konnte, wurden zuvor bereits Abonnements verkauft. Erst als sich genügend Abonnenten fanden, wurde die Zeitung erstmalig produziert. Diese Linie, der an die Leser gebundenen Startfinanzierung, verfolgt die Tageszeitung dann auch mit ihrer Unternehmensumformung zu einer Genossenschaft im Jahr 1992.

Genossenschaften

Egal ob im Wohnungsmarkt, im Bankwesen oder im regionalen Energiesektor: Die Genossenschaften feiern eine kleine Renaissance. Die taz war die erste bekannte Zeitung, die dieses Unternehmensmodell auch in der Medienbranche etablierte. Fast 14.000 Genossen konnte die Tageszeitung bis heute gewinnen. Der Mindestanteil für Genossenschaftsmitglieder beträgt 500 Euro, höchstens können Anteile im Wert von 100.000 Euro gezeichnet werden. Wie bei Genossenschaften üblich, bilden die Anteilseigner den Aufsichtsrat und den Vorstand des Unternehmens. Jede Stimme zählt gleich, egal wie hoch die jeweilig gezeichneten Anteile sind. „Die Genossen, die nicht dem Kreis der Mitarbeiter angehören, haben aber kein redaktionelles Mitspracherecht“, betont Konny Gellenbeck nachdrücklich. So sei insgesamt die Unabhängigkeit von Interessensgruppen gewahrt. Die Genossenschaftler ermöglichten solidarisch die Tageszeitung.

Dass diese Solidarität schnell einmal bröckeln kann, zeigt eine Anekdote aus dem Herbst 2013. In vielen Medien wurde der Partei B’90/Die Grünen mangelndes Bemühen bei der Aufarbeitung ihrer früheren Position zum Thema Pädophilie vorgeworfen. So wurde in einem Grundsatzprogramm der Grünen im Jahr 1980 eine Legalisierung von pädophilen Tatbeständen unter bestimmten Voraussetzungen gefordert. Auch die Tageszeitung taz berichtete über das brisante Thema. Die Verärgerung beim grünen Stammleser-Klientel ließ nicht lange auf sich warten, kam die Debatte doch inmitten des Bundestagswahlkampfs zu einem besonders pikanten Zeitpunkt auf. Nicht wenige witterten eine gezielte Kampagne gegen die Grünen, an der sich – so meinten viele – auch die taz beteilige. Auch einigen taz-Genossen war das zu viel: Innerhalb von nur zwei Tagen kündigten 840 Genossenschaftler ihre Anteile. Konny Gellebeck und ihr Team reagierten umgehend: „Wir haben die Leute teilweise bis 22:00 Uhr am Abend angerufen, um sie zu überzeugen, die Kündigung rückgängig zu machen.“ Dabei hatten sie immer betont, „dass eben kein Lobbyist, kein Genosse und niemand von außen bestimmen kann, was die Redaktion schreibt“. Dies sei, so argumentiert Gellenbeck, Ausdruck der Unabhängigkeit und somit ein guter Grund, weiterhin Genosse bei der taz zu bleiben. Die Zeitung sei schließlich nicht eingeknickt und habe ihre Berichterstattung nicht dem allgemeinen Meinungsbild „angepasst“. Das Zureden, oder Beziehungsmanagement zum Leser wie es die taz-Mitarbeiter nennen, hat letztlich Wirkung gezeigt. Der Großteil der Genossenschaftler ließ sich umstimmen und zog die Kündigung zurück.

Die Genossenschaft bildet ein finanzielles Fundament, in das stetig Eigenkapital ins Unternehmen gebracht werden kann. Kleine Verluste können so mitunter abgefedert werden. Ein interessantes Modell auch für andere Medien? Die Krautreporter prüften bereits, ob sie sich künftig in eine Genossenschaft umwandeln sollten, so Theresia Enzensberger. Eine Genossenschaft allein kann aber nicht den Erfolg garantieren. So müssen die fortlaufenden Einnahmen auch bei der taz vor allem durch Abonnenten und Verkäufe generiert werden. Diese machen einen Anteil von rund 80 Prozent an den Gesamteinnahmen aus. „Im Unterschied zu anderen Zeitungen ist die taz immer zum Großteil leserfinanziert gewesen“, so Gellenbeck. Deshalb hätte auch die Krise im Anzeigenmarkt die taz weniger hart getroffen als andere Tageszeitungen. Lediglich 11 Prozent der Einnahmen kämen aus Anzeigen, die übrigen neun Prozent vor allem aus dem Onlineshop der taz – und freiwilligen Zahlungen.

Spenden

Wer Online-Artikel der taz aufruft, muss sich zunächst am „taz zahl ich“-Fenster vorbeiklicken. In diesem wird der Leser dazu animiert, Geld für die Artikel auszugeben. Unterm Strich bringt dieses freiwillige Bezahlmodell laut Konny Gellenbeck zumeist nicht mehr als 10.000 Euro im Monat zusammen – nicht viel für einen Verlag dieser Größe. Vollkommen auf Spenden baut das Medienportal Vocer. Doch unter den Spendern befinden sich aber auch solvente Stiftungen wie die Otto-Brenner- und Robert-Bosch-Stiftung. Ein weiterer Förderer ist die Bundeszentrale für Politische Bildung. Vocer versteht sich als unabhängiges Medien- und Debattenportal, welches vor allem medienaffine Menschen aus der Branche selbst anspreche, vermutet Heywinkel. Diese seien auch eher bereit dafür zu spenden. Mit diesem Bonus fällt der Vergleich mit anderen Medienprojekten schwer. Vocer.org wird von dem Verein für Medien- und Journalismuskritik herausgegeben, welcher unter anderem auch durch den späteren Krautreporter-Mitbegründer Alexander von Streit ins Leben gerufen wurde. Neben dem Magazin betreibt der Verein auch ein Stipendienprogramm, das Vocer Innovation Medialab, mit dem junge, journalistische Projekte gefördert werden. Besonders im Fokus steht dabei die Förderung von innovativen Entwicklungen im Journalismus, insbesondere im Online-Bereich. Hier schließt sich der Kreis innerhalb einer jungen Medienszene, die nach neuen alternativen Wegen der Finanzierung sucht – und vielleicht schon gefunden hat.

Ein kurzes Fazit

▪ Erfolgreiche Beispiele, dass einzelne journalistische Projekte durch Crowdfunding ermöglicht werden können, gibt es viele. Vor allem Blogs finanzieren sich zunehmend auf diese Weise. Fraglich bleibt jedoch, ob die Leser bereit sind, immer neue Crowdfunding-Perioden mitzutragen und ob journalistische Plattformen darüber dauerhaft und vollständig finanziert werden können. Eine Antwort auf diese Frage liefern uns künftig die Krautreporter. Konny Gellenbeck hat bei der taz.panterstiftung die Erfahrung gemacht, dass es nach einer anfänglichen Euphorie schnell schwer wird, immer wieder aufs Neue Mittel zu generieren.

▪ Die Genossenschaft ist gewissermaßen die klassische Form der Schwarmfinanzierung. Sie kann nur Eigenkapital ins Unternehmen bringen – die Erlöse müssen anders erwirtschaftet werden, etwa durch Abonnements, Anzeigen – oder künftig gar durch Crowdfunding.

▪ Das Beispiel der taz zeigt eine eher magere Spendenbereitschaft. Wohl auch deshalb verzichten die großen Verlage im Online-Bereich vordergründig auf Optionen für spontane, freiwillige Abgaben und setzen weiterhin auf Abonnement-Modelle. Auch kleine Magazine wie Vocer können durch Einzelspenden der Leser kaum Wasser unter den Kiel bekommen, wenn in dem Fall nicht Stiftungen einen erheblichen Teil beisteuern oder explizite Zielgruppen das Projekt unterstützen würden.

Anzeigen per se zu verteufeln sei auch nicht der richtige Weg, bringt eine Stimme aus dem Publikum an. Immerhin hätten spendable Kunden – aus welcher Motivation auch immer – über Jahrzehnte hin Qualitätsjournalismus und einen relativ unbeschwerten Redaktionsalltag ermöglicht. Anzeigen bedeuten nicht automatisch, dass journalistische Standards aufgegeben werden müssen. Theresia Enzensberger ist da skeptischer. Ihrer Beobachtung nach hat sich durch die „Verzweiflung der Verlage“ die Empfänglichkeit für einen stärkeren Einfluss von Werbekunden deutlich erhöht, weshalb die Situation heute anders zu beurteilen sei als noch vor 20 Jahren.

▪ Damit alternative Finanzierungsformen funktionieren können, bedarf es aber eines deutlichen Wandels im Umgang der Leser mit dem Medium – weg von der Umsonstkultur, hin zu einem eigenen Anspruch, Geld für gute Informationen ausgeben zu wollen. „Im besten Fall ist die journalistische Qualität auch unser bestes Argument“, sagt Krautreporterin Enzensberger.

▪ Dazu gehört auch eine andere Kultur zwischen der Redaktion und den Rezipienten. Medien sind stärker denn je gefordert, eine aktive Leser(ein)bindung herzustellen.

▪ In einem waren sich alle unsere Gäste beim Medientresen einig: Der Journalismus kommt gar nicht darum herum, neue Modelle zu erschließen, sollte die schwierige Entwicklung anhalten. „Da die Verlage nicht mehr in der Lage sind, gutes Geld für guten Journalismus zu zahlen“, käme es auf den Versuch an, die Finanzierung selbst in die Hand zu nehmen, meint Mark Heywinkel.

▪ Crowdfunding stehe auch dafür, eine neue Generation von Lesern anzusprechen, die nicht mehr klassisch eine Tageszeitung abonniert, sondern einen anderen Zugang zu Medien besitzt. So sind die innovativen Formate auch für die etablierten Medien richtungsweisend, wie und wo neue, junge Lesergruppen erreicht werden können.

Der Artikel erschien im JUPMA #1, Sommer 2014.

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