Foto: Matthias Bifolchi/ Bearbeitung: Henrik Nürnberger

Medienwelt im Anschlag

Nach der Schockstarre: Fünf Schlaglichter beleuchten, wie die Medien auf den Anschlag auf Charlie Hebdo reagierten.

Von Leonard Kehnscherper und Henrik Nürnberger

Das Jahr 2015 begann mit einem Schock. Schnell galt der Anschlag auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo am 7. Januar in Paris, bei der zwei Attentäter zwölf Menschen töteten, als 11. September Frankreichs. Für den Journalismus gilt diese Bezeichnung allemal. Am Sonntag nach dem brutalen Attentat versammelten sich Millionen auf den Straßen Frankreichs und weltweit zeigten sich die Menschen mit Charlie Hebdo und den ermordeten jüdischen Kunden eines koscheren Supermarktes solidarisch und bekannten sich zur Meinungs- und Pressefreiheit.

Eine Woche später erschien Charlie Hebdo als „Journal des Survivants“ („Zeitung der Überlebenden“) erneut – diesmal mit einer Auflage von sieben Millionen gedruckten Exemplaren. Welche Folgen hatte das Attentat auf die Zeitung für Medienschaffende, für Karikaturisten und Satiriker? Auf was konzentrierte sich die Berichterstattung und wie reagierte die Gesellschaft? Knapp vier Monate nach dem Attentat blickt JUPMA auf das, was die Medienwelt nach dem Terror von Paris umtreibt.

 

Nachrichtenwert: 

Pressefreiheit als Topthema

Plötzlich ist das Thema Presse- und Meinungsfreiheit in aller Munde. Angesichts einer schlechter werdenden Reputation und so mancher „Lügenpresse“-Verunglimpfung, gab es für viele Medienmacher einen traurigen Anlass, den Wert des eigenen Berufsbildes zum Thema zu machen. Warum auch nicht? Schließlich ist eine offene und demokratische Gesellschaft ohne angstfreie Medien nicht vorstellbar. Doch punktuell endete die Behandlung des Themas Pressefreiheit in einer verqueren Instrumentalisierung des Anschlags für den eigenen Selbstwert. Besonders negativ fiel der Bund deutscher Zeitungsverleger auf, der in einer Art Protest-Karikatur die als medienkritisch bekannte PEGIDA-Bewegung mit den Terroristen vom 7. Januar gleichsetzte. Eine ärgerliche Aktion, die letztlich genau das Gegenteil einer breiten Akzeptanz der Medien bewirkt. Ärgerlich auch, da es nicht erst seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo gute Gründe gibt, sich über Angriffe auf die Presse- und Meinungsfreiheit zu empören. Dies machen einmal mehr die Statistiken von Reporter ohne Grenzen deutlich, wonach Gewalttaten und Repressionen gegen Journalisten sowie Entführungen 2014 massiv zugenommen haben. hn

 

Verunsicherung: 

Mulmiges Gefühl am Arbeitsplatz

Polizeischutz überall – so auch vor den Berliner Medienhäusern von Axel Springer, dem Tagesspiegel und der taz. Dass die reale Gefahr eines Anschlags nicht nur für die radikalen Karikaturisten von Charlie Hebdo besteht, wurde auch deutlich als Unbekannte, wenige Tage nach dem Attentat in Paris, einen Brandanschlag auf die Hamburger Morgenpost verübten. Die Zeitung hatte Charlie-Hebdo-Karikaturen nachgedruckt. Ebenso erschütterte die Schießerei bei einer Konferenz in Kopenhagen, bei der auch ein schwedischer Mohammed-Karikaturist zu Gast war, erneut Gesellschaft und Medien in Europa. Tatsächlich könnte das mulmige Gefühl, die Besorgtheit aufgrund der dramatischen Ereignisse in den Redaktionen nun größer sein als je zuvor. Aber inwiefern ist die Sorge berechtigt? Klar ist: Die seit Jahren verbal und körperlich massiv bedrohten islamkritischen Karikaturisten und Journalisten kennen die Angst vorm Terror schon lange. Für diese Medienschaffenden ist das ganze Ausmaß der Gewalt, die sich auch gegen sie richten könnte, in diesem Jahr sichtbar geworden. lk

 

Konjunktur: 

Karikaturen im Fokus

Ob Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Berliner Kurier oder B.Z.: Sie alle druckten am nächsten Tag die Karikaturen, für die die Mitarbeiter von Charlie Hebdo erschossen wurden. Viel mehr noch wurden die Karikaturen von der französischen und angelsächsischen Presse aufgegriffen. Diese Solidarität ist unter westlichen Zeitungsmachern üblich – so zum Beispiel im Jahr 2006, nach den Angriffen auf dänische und norwegische Botschaften als Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllands-Posten. Damals druckten unter anderem Die Zeit, FAZ und taz einige der Karikaturen nach. Auch Charlie Hebdo erschien auf dem Cover seiner ersten Ausgabe nach dem Anschlag mit einem weinenden Mohammed und der Überschrift: „Tout est pardonné“ („Alles ist vergeben“). Die Reaktionen darauf waren wieder Proteste und Unruhen in islamisch geprägten Ländern wie Niger, in dem dabei ein französisches Kulturzentrum zerstört wurde. Ein iranisches Kulturinstitut reagiert mit einem Karikaturenwettstreit zum Holocaust, den die deutsche Bundesregierung „mit äußerstem Unverständnis“ zur Kenntnis nahm. Auch die verbliebene Redaktion von Charlie Hebdo ließ zuletzt verlauten, die Zeitung neu auszurichten. Dabei werde man womöglich eher auf Mohammed-Karikaturen verzichten. Trotz allen freiheitlichen Widerstands und weltweiter Solidarität, scheinen viele Redaktionen umzudenken oder zumindest neu sensibilisiert für religiöse Gefühle im Islam. lk

 

Gewissensbisse: 

Darf Satire wirklich alles?

Dass nicht wenige westliche Medien sich beim Nachdruck der Mohammed-Karikaturen zurückgehalten haben, zeigt es schon: Auch für viele Blattmacher wurde schon zu viel „Öl ins Feuer“ gegossen. Und tatsächlich wurden nach dem ersten Schock und Solidaritätsbekundungen, immer mehr verschiedene Stimmen laut, die allzu harte Satire kritisieren. Die viel zitierte Schere im Kopf setzt offenbar schon in manchen Redaktionen zum Schnitt an. Dagegen bekennen sich viele Karikaturisten in Interviews verstärkt zu ihren Prinzipien, aber auch diese sind nicht etwa einheitlich. Sie gehen vom Plädoyer fürs „nicht einknicken“, über „Satire darf alles, solange sie gut ist“ bis zu „auf Provokationen sollten wir lieber verzichten“. Das vom Bundespräsident und vielen Kulturschaffenden umgehend nach dem Attentat präsentierte Zitat von Kurt Tucholsky, nach der Satire alles darf, unterschreiben viele Medienschaffenden nach wie vor. Aber durchaus mit Einschränkungen. Die Politik hingegen hält die Aussage hoch. Wohl auch, weil sie gut in den westlichen Wertekanon passt, der in der wieder aufkeimenden Stimmung, die dieser Tage oft an den Kalten Krieg erinnert, brandaktuell ist. lk

 

Rauerer Ton: 

Das Schreckgespenst Islam

Eine Religion, in deren Namen Menschen kaltblütig ermordet werden, muss sich kritische Fragen gefallen lassen. Es gebietet allerdings der journalistischen Verantwortung, dies sehr mit Bedacht, äußerst differenziert und eben auch mit dem nötigen Respekt zu tun. Eine ohnehin schon schwierige Aufgabe, die Kontroversen garantiert – und die die zudem nach Quote, Verkaufs- und Klickzahlen heischenden Medien nur zu gern verfehlen. „Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Doch!“, titelte der Focus im Januar in Reaktion auf den Anschlag auf Charlie Hebdo. Für die einen ist dies lediglich eine Tatsachenbeschreibung, für die anderen beginnt schon hier die Hetze gegen eine Religionsgemeinschaft, die weit mehr Ausprägungen als nur die radikalste kennt. Fest steht: Die Morde sind ein Schlag ins Gesicht für all jene, die sich in Europa für einen interkulturellen Dialog engagieren. Medien könnten diesen Dialog sachlich moderieren. Doch ein pessimistischer Blick auf die Dinge lässt eben auch den Schluss zu, dass der Anschlag auf Charlie Hebdo sowie die Gräueltaten des sogenannten IS, einer drastischeren Rhetorik vieler Medien gegenüber „dem Islam“ Tür und Tor öffnet. hn

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