Foto: Verena Ruschemeier (Ruhmsucht.de)

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Aussterbende Spezies

Martin Möller hat die Titel von morgen schon heute: Der freundliche 42-Jährige radelt Dienstag bis Samstag abends durch Schöneberg, tingelt durch Bars und Kneipen und verkauft dort Zeitungen und Zeitschriften.

Von Miriam Mogge

Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag für Sie aus?

Martin Möller: Um 18.30 Uhr hole ich die druckfrischen Zeitungen am Askanischen Platz ab, zwei Stunden später startet meine Route am S-Bahnhof Schöneberg. Ich ziehe durch Restaurants und Kneipen, bis die Leute nach Hause gehen, dann hab ich Feierabend. Unter der Woche ist das meist schon um halb elf.

Was passiert mit den Zeitungen, die keiner gekauft hat?

Möller: Die bringe ich am nächsten Abend zurück, wenn ich die neuen Zeitungen hole. Ich arbeite als Selbstständiger auf Provision und muss nur für die Exemplare zahlen, die auch tatsächlich verkauft habe.

Welche Zeitungen haben Sie im Sortiment?

Möller: Den Tagesspiegel, DIE ZEIT und den SPIEGEL, die Berliner Zeitung und den Kurier, die Stadtmagazine Tip und Zitty, außerdem das Fußballmagazin 11FREUNDE und die Titanic. Auf der Hand trage ich aber nur sechs Titel, den Rest gibt’s auf Nachfrage.

Was ist besonders gefragt?

Möller: Bei mir in Schöneberg ist das wohl der ‘Tagesspiegel’. Die Kollegen im Osten verkaufen die Berliner Zeitung besser. Tip und Zitty verkaufen sich, wenn die neue Ausgabe erscheint, auch sehr gut. Dafür mache ich dienstagnachmittags sogar eine Extra-Tour durch Kreuzberg.

Bekommen Sie die Zeitungskrise zu spüren?

Möller: Sehr. Ich habe enorme Einbußen zu verzeichnen. Die Leute über 60 haben Zeitungen meist im Abo, die Jüngeren lesen fast nur noch auf dem iPad oder iPhone. Ich verkaufe fast ausschließlich an 40 bis 60-Jährige. Auch das Rauchverbot hat dazu geführt, dass die Leute abends weniger ausgehen. Wir Zeitungsverkäufer sind eine aussterbende Spezies.

Aber bisher lohnt sich der Job noch?

Möller: Ich glaube, dass ich meine Tour noch fünf oder sechs Jahre machen kann. Danach werden vielleicht einige Routen zusammengelegt, damit der Umsatz noch ausreicht oder sich vielleicht ein bisschen steigern lässt. Mal sehen.

Wie sind Sie zu dem Job gekommen?

Möller: Das war Zufall. Ich war 18, als die Mauer fiel, und bin dann erst mal nach Hamburg gegangen, um auf dem Bau zu arbeiten. Als ich zwei Jahre später zurückkam, war ich arbeitslos. Irgendwann lief die Sozialhilfe aus und ich fiel für zwei Jahre in die Obdachlosigkeit. Das hat meinen Körper ganz schön kaputt gemacht. Wenn einem im Schlafsack nicht mehr warm wird und man die Finger an der Heizung in der S-Bahn auftaut, weiß man, wie es ist, ganz unten zu sein. Als ich endlich wieder einen festen Wohnsitz hatte, las ich in einer Zeitungsannonce, dass eine Vertretung als Zeitungsverkäufer gesucht wird.

Was macht Ihnen an Ihrem Job Spaß?

Möller: Dass ich mit den Leuten ins Gespräch komme. Meine Stammkunden und viele Gastwirte kenne ich beim Vornamen. In der Regel weiß ich auch, wer in welchem Restaurant zu erwarten ist. Für einen Plausch oder die neuesten Kiez-Gerüchte bleibt immer Zeit. Und ich habe Hundeleckerlis in der Tasche, weil ich Hunde liebe. Das bringt auch oft ein kleines Trinkgeld ein.

Ist Ihnen schon mal etwas Unangenehmes passiert?

Möller: Nein, eigentlich ist mir noch niemand blöd gekommen. Natürlich kommt mal ein Spruch wie ‘ich kann nicht lesen’ oder ‘ich muss später noch fahren’ aber das darf man nicht persönlich nehmen. Die meisten sagen einfach ‘Nein’, wenn sie keine Zeitung haben wollen.

Das Interview erschien bereits im Online-Magazin Ruhmsucht und JUPMA #2, Herbst 2014.

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