Foto: Henrik Nürnberger

#rpTEN und #MCB16

Zum zehnten Mal fand in Berlin die re:publica statt. Wir liefern einige Spotlights zu Europas Top-Konferenz zum Thema soziale Medien und digitale Gesellschaft.

Von Henrik Nürnberger, Philine Ludwig, Charlotte Marquardt und Lisbeth Schröder

 

Liveschalte

Bei Anruf Snowden

Und plötzlich taucht er auf der Leinwand auf: Edward Snowden ist wieder live aus dem russischen Exil zugeschaltet. Zusammen mit dem Philosophen Luciano Floridi spricht er über die großen Themen. Es geht um Überwachung, die Macht über die Informationen, wer sie glaubwürdig schützt und warum Privatsphäre ein wichtiges Gut ist. „Wer sagt, er habe nichts zu verbergen und brauche daher keine Privatsphäre im Netz, könnte genauso sagen, er brauche keine Freiheit der Rede, weil er nichts zu sagen hat.“ Es sind diese markigen Sätze, für die Snowden den erwarteten Applaus erntet. Zwar macht er keinen Hehl aus seiner Enttäuschung, nirgendwo Asyl zu finden, doch zeigt er sich gewohnt souverän. Er sei zwar räumlich beschränkt, nicht aber seine Gedanken, die er der Welt mitteilen könne. Ein perfektes Schlusswort zur Liveschalte nach Berlin. hn

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  Edward Snowden ist live zugeschaltet. Foto: Henrik Nürnberger

 

„Privacy is the protection of what you are.“

Edward Snowden, Whistleblower

 

Über das digitale Mit- und Gegeneinander

Ein Appell für die organisierte Liebe im Netz

„Wir können es uns nicht mehr leisten, leise zu sein“, sagt die Netz-Aktivistin Kübra Gümüşay und fordert in ihrer emotionalen Rede auf, dem Hass im Netz Liebe entgegenzusetzen. Die müsse aber organisiert werden, denn der Hass ist es bereits: Extremisten fluten Kommentarspalten, versuchen mit Hashtag-Aktionen Themen zu unterwandern, senden massenhaft E-Mails an Redaktionen oder attackierten Einzelpersonen – und erwecken damit den Eindruck, dass sie für die große Masse der Bevölkerung stehen. Gümüşay macht deutlich: Organisierte Liebe ist ein „politisches Werkzeug“, das wir durch das Verbreiten von Informationen, Aufklärung und Empathie nutzen müssen. Schade, dass genau diese Quintessenz – über das wie wir die Liebe organisieren – bei aller verständlicher Empörung über rechtsextremistische Umtriebe, zu wenig Raum in ihrem Vortrag einnimmt. hn

 

„Hass im Netz war der Vorbote für das, was uns offline erwartete.“

Kübra Gümüşay, Journalistin und Netz-Aktivistin

 

netzpolitiker

Günther Oettinger auf dem Podium bei der Media Convention. Foto: Henrik Nürnberger

 

Termin für die Politprominenz

Netzpolitiker in der Höhle des Löwen

„Wir trauen es uns zu, dass die Netzstärke von 5G am Ende des Jahrzehnts technisch möglich ist“, sagt Günther Oettinger (CDU), EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Das entspräche dann der zehnfachen Geschwindigkeit im Vergleich zu heute. Das will die EU gleichzeitig mit den Südkoreanern und noch vor den US-Amerikanern schaffen. Doch die Betonung liegt auf „technisch“, denn auch bei Entwicklung von 3G auf 4G waren die Europäer am schnellsten – nicht aber bei der Markteinführung.

„Ich erwarte schon ein bisschen, dass sie mir zutrauen, mein Amt auszuüben.“

Günther Oettinger, EU-Kommissar

Neben Günther Oettinger gibt sich auch weitere Politprominenz die Klinke in die Hand. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) diskutierte in der „Town Hall“ über die Zukunft der „Arbeit 4.0“, Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) und Justizminister Heiko Maas (SPD) plauderten bei der Aftershow in gemütlicher Lounge-Atmosphäre über irgendwas. So geil kann Netzpolitik sein. Doch wo war eigentlich Alexander Dobrindt (CSU), seines Zeichen zuständiger Bundesminister für die digitale Infrastruktur? hn

 

juwl

Jacqueline Hen und „Juwl“. Foto: Henrik Nürnberger

 

Startups stellen sich vor

Die 360°-Illusion fürs Smartphone

Wie im Raum schwebend wird ein Gegenstand in einer auf den Kopf gestellten Pyramide dargestellt. Bei „JUWL“, so heißt der wundersame Körper, griff Entwicklerin Jacqueline Hen auf ein altes Prinzip zurück, um das Hologramm zu erzeugen. Neu ist, dass das Gadget dynamisch mit Touchscreen-Oberflächen interagiert. Bewegt man den Körper auf dem Screen, kann auch die Farbe oder Größe der Projektion geändert werden. Demnächst soll die Ausgründung des Projekts erfolgen, das zuvor am Fraunhofer IAO entwickelt wurde.

Wie Jaqueline Hen, stellen sich viele Startups auf der re:publica und Media Convention Berlin vor. Das große Thema ist und bleibt Virtual Reality, der die re:publica eigene Ausstellungshallen widmet. hn

 

„Wenn wir in zehn Jahren über Journalismus reden, werden wir vielleicht etwas ganz anderes meinen, als heute.“

Lutz Frühbrodt, Medienforscher

 

Schöne neue Medien(schein)welt

Im Reich des Pseudojournalismus

Schreibt Volkswagen bald selbst über seinen Abgas-Skandal? Das wäre das Horrorszenario eines um sich greifenden Phänomens, das sich Content Marketing (CM) nennt. Der Medienforscher Lutz Frühbrodt spricht darüber auf der Media Convention Berlin und prophezeit: „Wenn wir in zehn Jahren über Journalismus reden, werden wir vielleicht etwas ganz anderes meinen, als heute.“ Als Beispiel nennt er das hippe Online-Magazin „CURVED“. Mit Überschriften wie „Den Billig-Tablets gehört die Zukunft“ versuchen diese Medien äußerst subjektive Produkttests als Journalismus zu tarnen. Denn eigentlich steckt hinter dem Magazin die Firma „E-Plus“, die ihre eigenen Produkte hier möglichst gut aussehen lassen will.

Dass ein derartiges Unternehmen dahinter stehe, erfahre der Leser erst durch den Klick aufs Impressum, das aber nur von einem Drittel der User tatsächlich geklickt werde, hat Frühbrodt in einer bisher noch unveröffentlichten Studie herausgefunden. Von einer transparenten Offenlegung der dahinterstehenden Marke könne keine Rede sein. Die gesamte Top 30 der DAX-Konzerne bedient sich bereits journalistischer Mittel, um Marketing zu betreiben.

Es dauert nicht lange, dann melden sich die im Vortrag Kritisierten aus dem PR-affinen Publikum zu Wort: Sind die Medienhäuser nicht selbst schuld daran, dass mittlerweile Getränkehersteller Journalismus machen? Die Frage allerdings, welche vermeintliche Lücke Content-Marketing-Magazine füllen sollen, bleibt dabei leider offen. Dem „Guru“ der CM-Szene, Joe Pulizzi, dürfte diese Frage egal sein. Und so schließt Frühbrodt mit der provokanten und etwas platten Frage, ob es bald einen Pulizzi- statt Pulitzer-Preis geben wird. ls/hn

 

republica

Im alten Kühlhaus ging es vor allem um Virtual Reality. Foto: Charlotte Marquardt

Ein Gedanke zu „#rpTEN und #MCB16

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