Geschichten aus 1001 Praktika

Eine Kolumne von Wiebke Hugen

Irgendjemand ist immer toller: Wer anfängt, seinen Lebenslauf mit dem anderer zu vergleichen, tut damit weder was fürs Glücklichsein noch für die Karriere.

Die Evangelische Journalistenschule weiß, wie es sich gehört: Sie stellt auf ihrer Homepage nicht nur sich selbst vor, sondern auch die, auf die es wirklich ankommt – ihre Schüler. In meiner großen Bewerbungsphase vor zwei Jahren hielt ich es mal für eine gute Idee, mir die Porträts des aktuellen Jahrgangs ein bisschen genauer anzuschauen. Zwecks Konkurrenz-Check und so. Zehn Minuten später war ich tatsächlich um eine Erkenntnis reicher, nämlich die, dass ich mich aufgrund eklatanter Chancenlosigkeit an dieser Schule gar nicht erst bewerben würde.

Warum? Die Werdegänge dieser Cracks lasen sich wie das Who is Who der deutschen Medienlandschaft: Je drei Monate Praktikum beim ZDF, NDR und taz, sechs Monate freie Mitarbeit für die FAZ, bisschen Feuilleton bei der SZ, bisschen Schreiben für den Spiegel – und das alles, bevor sie ihre journalistische Ausbildung überhaupt angetreten hatten. Zum Vergleich: Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ein Praktikum bei einer Hundezeitschrift vorzuweisen. Yeah.

Als ich mich Jahre zuvor mal ganz mutig beim ZDF mo:ma beworben hatte, erhielt ich eine Absage mit dem Hinweis, dass sämtliche Praktikumsplätze für die nächsten zweieinhalb Jahre vergeben seien. „Wie, zum Teufel“, musste ich mich nun also fragen, „sind die an diese krassen Jobs herangekommen?!“ Meine einzige Erklärung damals: Ich bin eben einfach nicht engagiert und talentiert genug.

Heute, allen Widrigkeiten zum Trotz gut angekommen in der Medienwelt, möchte ich zwei Erleuchtungen kundtun: Erstens sind die Schüler der EJS zwar ganz sicher sehr talentiert und haben auch tolle Bewerbungen geschrieben. Viele von ihnen sind aber ebenso sicher schlicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen oder nutzten Kontakte. So wie mein Kollege, der ein Praktikum in der Focus-Redaktion bekam, weil dort ein Nachbar seiner Eltern arbeitete. Zweitens kann der Name eines Big Players im Lebenslauf noch so cool klingen – wenn du dort aber nichts gelernt hast, bringt er dir für deine persönliche Entwicklung gar nichts. Wie etwa meiner Freundin, die über Vitamin B an das Praktikum bei einer großen Berliner Tageszeitung herankam – und dort acht lange Wochen nur Zeitung gelesen hat, weil sie nichts schreiben durfte.

Hinter all den fabelhaften Stationen in anderer Leute Werdegänge stecken öfter solche unglamourösen Geschichten, als man meint. Das hilft bei der Suche nach guten Praktika zwar auch nicht weiter, nimmt aber viel Ehrfurcht vor diesen vermeintlichen Übermenschen. Und erinnert daran, dass es lohnt, sich auf sein eigenes Können zu konzentrieren, statt immer nur andere toll zu finden.

 

Wiebke (28) ist leidenschaftlicher Schreiberling und Volontärin an der Burda Journalistenschule. Auf ihrem Ratgeber-Blog erzählt sie von ihrem Weg in den Journalismus, beantwortet Fragen rund um den Einstieg in die Branche und gibt Tipps und Erfahrungen an junge Medienfreunde weiter. www.missmoneypen.de

 

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