Harriet Hanekamp / www.jugendfotos.de

Schülerzeitung + Lehrerhilfe = Zensur?

Von den Schwierigkeiten, Meinungsmedium der Schüler zu sein und Vorzeigeblatt der Schule. Ein Erfahrungsbericht von Kundry Rymon

 

SchülerInnen jeden Alters zappeln auf ihren Plätzen und betrachten mit großen Augen den pompösen Festsaal des Roten Rathauses: riesige, helle Fenster, Kerzenhalter an den Wänden, ein gigantischer Kristallleuchter funkelt an der Saaldecke. Alle hier versammelten SchülerInnen haben ihre Beiträge beim Berliner Schülerzeitungs-Wettbewerb 2014/15 eingereicht und schauen heute der Siegerehrung zu. Während die Redner uns auf den großen Augenblick einstimmen, wächst meine Anspannung.

„Den diesjährigen Theaterpreis erhält die Schülerzeitung about:kurt von der Kurt-Schwitters-Schule mit dem Text von -“ Mein Gehirn setzt aus. Oh mein Gott! Ich will lachen, weinen, alles auf einmal. UNSERE Zeitung! MEIN Artikel! Der Applaus weckt mich auf: Wir haben so viel Herzblut, Energie und Lebenszeit in dieses Projekt gesteckt. So viele Stunden die Kehlen trocken diskutiert, die Haare gerauft, alles hingeschmissen, noch mal von vorne begonnen. Und jetzt stehen wir hier – unsere Redaktion!

 

„Eure Schülerzeitung, eure Entscheidung!“

Zwei Jahre ist dieser Tag her. Unsere AG Schülerzeitung war gerade mal eineinhalb Jahre alt. Ich war seit einem Jahr dabei und bildete seit sechs Monaten mit Can, der schon seit der Gründung der Zeitung aktives Mitglied war, die in offener Wahl bestimmte Chefredaktion. Gemeinsam erstellten wir die Tagesordnung, leiteten die Diskussionen, setzten Schwerpunkte und redigierten mit den anderen RedakteurInnen zusammen die Artikel. Unsere beiden schulischen Betreuern, ein junger Ethiklehrer und eine direkt aus dem Studium kommende Deutschlehrerin, waren bei den Redaktionssitzungen anwesend, äußerten sich aber ausschließlich beratend: „Versteht dies als Vorschlag, nicht als Vorschrift“, sagte unser Betreuungslehrer, selbst journalistisch aktiv: „Eure Schülerzeitung, eure Entscheidung!“

Er belegte extra einen Volkshochschulkurs, um den für das Layout zuständigen SchülerInnen kompetent unter die Arme greifen zu können. Oder er organisierte uns einen Besuch bei der täglichen Redaktionskonferenz der taz. die tageszeitung. Unsere Zeitung machte mit jeder neuen Ausgabe sichtlich Fortschritte, wofür wir starkes Feedback bekamen. Mit dem Preisgeld des Wettbewerbs konnten wir endlich die Umschlagseiten in Farbe und auf professionellem Magazinpapier drucken. Wir erfanden den von uns SchülerInnen verwalteten Kummerkasten, über den SchülerInnen Kritik wie Vorschläge auch anonym an uns kommunizieren konnten. Aber der für uns größte Erfolg war das Erscheinen der Online-Ausgabe unserer Zeitung, die nach monatelangem Klärungsprozess endlich parallel erscheinen konnte – akzeptiert und unterstützt von der Schulleitung!

 

Von der Chefredakteurin zur Störenfriedin

Die befristeten Verträge für unsere Betreuungslehrer konnten nicht verlängert werden. Wir waren überrascht, enttäuscht, aber that’s life. Bis zum nächsten Wettbewerb wollten wir richtig gute Ausgaben rausbringen, um wieder dabei zu sein. Und um möglichst einen der Hauptpreise für die gesamte Zeitung gewinnen, nicht „nur“ für einen einzelnen Artikel! Noch vor den Sommerferien hatten wir das Thema und den Drucktermin für die einzureichende Nummer festgelegt und zahlreiche konkrete Artikelideen.

Kundry Rymon / Illustration: Johanna Goldmann

Wir knüpften Kontakte zu professionellen Layouterinnen, zwei in der Gesamtelternvertretung aktiven Müttern, die uns ihre Unterstützung anboten. Denn vor allem wollten wir im kommenden Jahr einen unübersehbaren Akzent in Sachen Gestaltung setzen, unserem bisherigen Schwachpunkt. Zum Start in die Ferien informierten wir die für unsere AG neu benannten Betreuerinnen in einer Mail über unsere ehrgeizigen Ziele und Termine.

Doch im neuen Schuljahr wendete sich das Blatt. Zwei Redaktionssitzungen lang schwiegen wir alle überrumpelt, als unsere neue Betreuungslehrerin die Chefredaktion beanspruchte: Sie allein erstellte die Tagesordnung, verteilte Aufgaben, übernahm die Diskussionsleitung, redigierte die Texte. Doch als sie einem Mitschüler verbot, über das Körpermuseum in Berlin zu schreiben, ohne diese Entscheidung zu diskutieren, protestierten wir in einer E-Mail. Ich forderte, nicht über uns zu bestimmen, sondern uns kritisch zu begleiten. Wir bekamen niemals eine Antwort.

Stattdessen hatte ich den Eindruck, dass sie mich seitdem als Störenfriedin sah, die ihre engagierte Arbeit behinderte. Dies war teilweise für mich sogar nachvollziehbar, da wir SchülerInnen mit ihrem autoritären Führungsstil eben nicht einverstanden waren und ich als gewählte Chefredakteurin dies auch direkt ansprach, wenn sie beispielsweise einem um den passenden Ausdruck ringenden Redakteur ihre Formulierung diktierte oder gleich selbst zur Feder griff.

 

Der Machtkampf

Leider gelang es mir nicht, die von Woche zu Woche zunehmend brisante Stimmung zu entschärfen – in einer souveränen Position auf Augenhöhe fühlte ich mich ihr gegenüber nie, schließlich blieb sie die Lehrerin, bei der ich unter Umständen später in der Abiturprüfung sitzen würde. Und ich war ja bereits 16 und in der 11. – was sollten da erst die Neuen aus der 7. sagen! Sämtliche Beiträge mussten ihr zur Genehmigung vorgelegt werden – obwohl wir darauf beharrten, dass nach Gesetzeslage das nicht vorgesehen ist und wir diesen Punkt mit der Schulleitung anders verabredet hatten: Unser Betreuungslehrer sollte jeden Artikel vor Veröffentlichung kennen und bei Bedarf in der Redaktion diskutieren können, die endgültige Entscheidung blieb aber bei uns. So hatten wir es im Schuljahr zuvor tatsächlich praktiziert und uns in einzelnen „Problemfällen“ miteinander verständigt – so wurden die „Bullen“ im Ergebnis der Diskussion gestrichen. Learning by doing.

Unsere Betreuungslehrerin trug Can auf, Sitzungsprotokoll zu führen. Als es zwischen ihr und mir zum Wortgefecht kam, dokumentierte er auch diesen Konflikt: „Es ging darum, wie sehr sich unsere Betreuungslehrerin in die Schülerzeitung einmischen darf.“

Die nächste Redaktionssitzung war die letzte vor dem geplanten Drucktermin, um die neue Ausgabe noch vor dem jährlichen Weihnachtskonzert, einem Höhepunkt des Schuljahrs, und dem Einsendeschluss des 2015/16er Wettbewerbs der Berliner Schülerzeitungen herauszubringen. Wir benötigten alle verfügbare Zeit und Kraft, die Nummer rechtzeitig fertigzustellen – doch keine Chance: Unsere Betreuungslehrerin beschuldigte mich, ich hätte die zitierte Formulierung Can suggeriert. Hallo?! Obwohl er selbst protestierte und ich klarstellte, das Protokoll zuvor nicht einmal gesehen zu haben, beharrte sie: „Das glaube ich Ihnen nicht.“ Sie verurteilte, dass ich einen Artikel (ohne ihn ihr vorzulegen) bereits online hochgeladen hatte und unterstellte mir als egoistisches Motiv einen weiteren Preis beim Wettbewerb gewinnen zu wollen. Mir war zum Lachen, wär es nicht so bitterböse gewesen. Wir alle waren die gesamte Redaktionssitzung über blockiert durch Anklage und Rechtfertigung – bis ich in Tränen ausbrach vor Hilflosigkeit und Empörung. Schließlich warf sie mir vor, ich hätte sie in meiner E-Mail drei Monate zuvor beleidigt und sie erwarte eine Entschuldigung.

Aber das ist kein Missverständnis: Der Argumentation, die AG sei eine schulische Veranstaltung und kein Freizeittreff, halten wir entgegen, kein Schulblatt zu machen, sondern eine Schülerzeitung. Erziehungsauftrag versus Meinungsfreiheit: Sie nennt es Unterstützung, ich Bevormundung. Sie schrieb mir, aufgrund meines Verhaltens sei keine Redaktionsarbeit möglich. Ich antwortete mit der Nachricht, dass ich die Redaktion verlasse.

 

Berliner SZ-Wettbewerb: Die Chance nutzen!

Die about:kurt hat sich nicht beim Wettbewerb der Berliner Schülerzeitungen 2016/17 beworben. Das allein ist schade wegen der verpassten Chance, dabei sein zu können, wenn sich im Roten Rathaus die jüngsten RedakteurInnen der Stadt treffen, ihre Schülerzeitungen feiern und neue Ideen diskutieren. Bei uns war die Direktorin unserer Schule dabei – ein toller Ausdruck von Wertschätzung für unsere Redaktion.

Manchmal ergeben sich beim Wettbewerb auch wichtige Kontakte: Ich konnte im Ergebnis der Preisverleihung für die Sommerferien zwei mehrwöchige Praktika bei der Berliner Morgenpost und der Tageszeitung taz vereinbaren. Und auch bei meiner Zeit in der Schülerzeitungsredaktion überwiegen – trotz Zensurfall – vor allem die wertvollen Erfahrungen. Und hey, der Applaus ist unvergesslich: Was für ein Tag! Was für eine tolle Zeit!

Ein Gedanke zu „Schülerzeitung + Lehrerhilfe = Zensur?

  1. Großartiger Artikel über die Disparitäten zwischen der Pressefreiheit in der Schule und dem Erziehungsauftrag der Lehrer.
    Schade, dass es bis zum Austritt der Chefredaktion kommen musste!
    <3, S

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