VICE-Luft schnuppern

Wie sieht die Arbeit von Journalisten aus? Wie finden sie ihre Themen? Und wie funktioniert eigentlich eine Redaktion? Berlin bietet eine Vielzahl an Redaktionen, die wir durch die Junge Presse Berlin besuchen können. Anfang April stand wieder ein Medienstreifzug an: zu Gast bei VICE.
Vier Menschen stehen in einem Raum mit Barhockern und Bierkästen. Sie gestikulieren und unterhalten sich. Im Hintergrund zwei große Fernseher, das Bild darauf ist nicht zu erkennen.

Während der Hausführung erzählte uns Dominica vom Arbeitsalltag bei VICE. Foto: Constanze Fertig

Ein Bericht von Gizem Kirsever

05. April. Rund 30 junge Journalisten aus Berlin und Brandenburg warten gespannt vor dem großen Gebäude in der Rungestraße 22-24. Hier soll schließlich unsere Führung durch die VICE-Redaktion starten. Zu Beginn treffen wir Dominica Grigoleit, die gerade eine Ausbildung im Management bei VICE absolviert. Bei einem kleinen Rundgang erklärt sie uns die verschiedenen Räumlichkeiten, in denen wir uns die nächsten Stunden aufhalten werden. Dabei erfahren wir, dass VICE Media sich selbst als „größtes globales Jugendmedienunternehmen“ bezeichnet, schließlich bündeln sich unter dem Namen 38 Büros in über 80 Ländern. VICE beschränkt sich dabei nicht nur auf die Onlineredaktionen, vielmehr haben sie auch ein kostenloses Printmagazin, eine Werbeagentur, ein Plattenlabel, eine Videoproduktionsfirma, einen Buchverlag und einen Fernseherdsender. VICE Media steht somit breit gefächert in der Medienwelt.

Laura Himmelreich sitzt vor einem Notebook an einem Konferenztisch. Hinter ihr ist auf einer Leinwand eine Reihe von Artikel-Teasern zu sehen, wie sie auf der Homepage von VICE dargestellt sind.

Laura Himmelreich zeigt uns, welche Themen Vice auf der Agenda hat.

Nach unserer Führung durch die Redaktion treffen wir Laura Himmelreich, die Chefredakteurin von VICE.com. In den kommenden 30 Minuten erklärt Laura uns, wie sie an die Spitze von VICE.com gekommen ist. Außerdem zeigt sie uns eine Präsentation mit Themen, die VICE bereits veröffentlicht hat. Am Ende der Präsentation kann endlich unsere Fragerunde beginnen. Auf unseren Zetteln stehen eine Vielzahl an Fragen, leider konnten wir einige nicht mehr stellen. Trotzdem hat sich Laura viel Zeit genommen und uns erklärt, dass jeden Tag rund 15 Artikel auf VICE.com veröffentlicht werden, an denen rund 43 Personen arbeiten. Ebenso hat uns interessiert, ob es Themen gibt, die VICE nicht mehr so einfach bringen wird. So haben wir erfahren, dass VICE bei Sex- und Drogenthemen inzwischen umsichtiger geworden ist. Laut Laura Himmelreich bringt VICE keine Artikel mehr, die ausschließlich als drogenverherrlichend verstanden werden könnten. Wichtig sei auch, dass Selbsterfahrungs-Reportagen immer eine zweite, reflektierende Ebene haben und eine Einordnung in den Kontext bieten.
Auf die Nachfrage, ob VICE durch andere Medien langsam Konkurrenz bekommen hat, erklärt Laura uns, dass durch die Jugend-Sparten von Zeit, Süddeutscher Zeitung und Spiegel Online die

Eine Gruppe von jungen Menschen sitzt oder steht vor einer Regalwand, auf der Zeitschriften mit bunten Titelseiten ausgestellt sind.

Gruppenfoto vor der VICE-Wand

Konkurrenz um junge Leser zugenommen habe. Laura glaubt trotzdem nicht, dass das eine ernste Gefahr für VICE werden könne. Denn VICE habe die längste Erfahrung mit jugendlichen Lesern – und die Ressourcen, um innovativer und hintergründiger zu sein als die anderen. VICE versucht also, sich durch Qualität und Niveau von den anderen Redaktionen abzuheben. Manche Themen, erzählt Laura, macht VICE deshalb nicht, weil „ze.tt oder bento das auch machen können“. Nach über einer Stunde Quality Time mit Laura Himmelreich endete unser Besuch mit einem Gruppenfoto vor der VICE-Magazinwand.

 

Wasserradeln quer durch Mitte

Mit unserer JPBtour wollten wir einmal quer durch Berlin radeln und uns direkt an Schulen und Jugendzentren vorstellen. Leider hatte auch unser gesammelter Optimismus gegen den Regen keine Chance.

Es hätte so schön werden können: Wir satteln unsere Räder, packen JUPMAs und Flyer ein und touren durch die Stadt – vorbei an Schulen, Jugendzentren, Tageszeitungen. Dabei knüpfen wir Kontakte zu dutzenden medieninteressierten Schüler*innen, machen unsere Projekte bekannt und haben zusammen Spaß – eigentlich das Wichtigste bei der Arbeit in der JPB.

Die Fahrradtour sollte uns vom Büro in Mitte aus erst in einer Schleife durch Pankow, dann zurück nach Moabit bis nach Schöneberg führen. Von dort aus wollten wir weiter über den Park am Gleisdreieck nach Kreuzberg und Neukölln und schließlich am Ostbahnhof enden. Zwischendurch wollten wir an vierzehn Schulen halten – viele davon haben Schülerzeitungen, die seit mehreren Jahren auch am Berliner Schülerzeitungs-Wettbewerb teilnehmen.

Die Tour war geplant, vorbereitet und auf allen Kanälen angekündigt. Sogar ein Lastenrad hatten wir gemietet, um all unsere Zeitungen und Magazine transportieren zu können. Die Vorfreude stieg fast ins Unendliche. Dann kam der Wetterbericht. Und mit ihm die ersten Bedenken.

„Habt ihr mal aufs Wetter geschaut? Ich glaube ihr werdet wegschwimmen ;)“
– Rebecca am Donnerstagabend über Facebook

„Angesichts des Wetters und nicht aufhörenden Regens, werde ich wohl absagen. Es macht einfach keinen Spaß, den ganzen Tag durch Regen zu fahren.“
-Johann am Freitagmorgen über Facebook

Egal. So leicht lassen wir uns nicht unterkriegen. Aber wer uns kennt weiß auch, dass Pläne manchmal nur Blaupausen bleiben. Nachdem wir kistenweise Material aus dem Keller geholt hatten, Henriks Anhänger mit einer überdimensionalen Plastikplane abgedichtet und sogar die Fahne gehisst hatten, konnte es los gehen. Im Schneckentempo. Da war es schon nach elf Uhr, wir alle klatschnass – aber trotzdem fest entschlossen, wenigstens einen Teil unserer Zeitungen zu verteilen.

Wir waren kaum um die erste Ecke, da kam uns Lucas mit dem Lastenrad entgegen. Also wir alle zurück zum Büro, den Lastenrad-Korb trocken wischen und Zeitungen umladen.

Wieder auf freier Strecke (inzwischen waren wir gut zwei Stunden hinterm Zeitplan), ist uns leider das am Lenker befestigte Navi abgesoffen. So irrten wir die Invalidenstraße entlang, ohne überhaupt die erste Station erreicht zu haben. Die Blicke der Passanten waren uns sicher.

Schließlich haben wir die Hemmingway-Oberschule doch noch gefunden. Leider war da schon Schulschluss. Und bis zur Käthe-Kollwitz-Oberschule nach Pankow hätten wir es auch nicht mehr rechtzeitig geschafft.

Also haben wir umgedreht, zurück zum Büro. Haben die Zeitungen zurück in den Keller gestapelt und unsere nassen Sachen an Fenstergriffen und Lampen aufgehängt. Wie wir uns dabei gefühlt haben? Wir waren wohl alle ziemlich geknickt, dass selbst unser gesammelter Optimismus gegen höhere Mächte nichts ausrichten konnte. Aber auch ein bisschen stolz, dass wir es wenigstens versucht haben. Wir werden es wieder versuchen. Am Abend kam in Mitte übrigens die Sonne raus.